John o’Groats Trail – Tag 14 – Wick to Keiss via Sinclair Bay

Ein langer Tag mit dem Namen Sinclair

[Wanderung ca. 19,7 km, mittel] [ca. 140 Höhenmeter] [09.05.2019]

Heute ist der vorletzte Tag unserer Wanderung, ein langer Weg liegt vor uns und er wird unter dem Motto Sinclair stehen.

Der Tag beginnt sonnig, unsere Augen sind wie jeden Morgen dick und gequollen. Woher das wohl kommt? Zudem ist mir das tierisch schäumende Dr. Bronners Waschzeugs ausgelaufen, und so wasche ich endlos lange den Schaum aus meinem „Kulturbeutelchen“, nur um beim auswringen festzustellen, dass es immer noch schäumt und nach Pfefferminze riecht. Auch Ju brauchte extra Zeit, um auf das Trocknen des Imprägnier Sprays zu warten. Sie schleppt das seit Helmsdale mit, bringt aber eigentlich nix. Ich sage nur Lederschuhe und gut gefettet!

In Wick haben wir noch Sandwiches, Obst und Schokolade gekauft. Nach dem Aufstocken der Geldreserven ging es heute Morgen an der nördlichen Hafenseite auf einem Kiesweg, mit vielen Hundebesitzern weiter. Danach folgte ein Stück auf Asphalt, was meine Füße überhaupt nicht mögen. Kurz hinter Staxigoe, auch dieses Örtchen hat einen verlassenen Hafen, durchqueren wir eine Farm, genauer gesagt gehen wir zwischen Ställen und Haupthaus hindurch, und danach weiter an der Küste entlang. Beidseitig sind wir eingerahmt von „barbed wire fences“, geschützt vor Vieh und vor der Klippe.

Noss Head, Moor und eine Zeitreise im Geiste

Bald taucht in der Ferne der Leuchtturm auf, davor ein weites, ansteigendes Feld, das immer mehr ausgetrockneten Moorcharakter annimmt. Es sieht so aus als wäre es einmal trockengelegt worden. Immer wieder gehen wir in Abständen durch Rinnen, die etwas feucht sind. Schottland hat definitiv nicht so viel Wasser im Boden wie es haben sollte. Auf dem Feld wandert man wieder der Nase lang, oder vielleicht hätte man nahe einer der Zäune gehen sollen, egal.

Ju’s und ich suchen unsere eigenen Momente. Es ist still. Ich stelle mir das trockene Moor in seiner Ursprünglichkeit vor, wilder, bewachsen von noch mehr Blumen und tierischen Bewohnern. Auf genauso einem Feld in Matsch und Regen müssen die Jakobiter bergauf gegen die Engländer in Culloden Moor gerannt sein. Was für ein Massaker! Ich wäre selbst hier jedem von oben kommendem Angreifer hilflos ausgeliefert. Trotz dieser Gedanken bin ich ganz im Jetzt und Hier, im Augenblick. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft sind vereint.

Es ist heiß, die Sonne scheint die kalte Luft warm, und es fliegen wieder diese lästigen Fliegen umher. Um den Leuchtturm herum ist eine hohe Steinmauer, die wir außen umgehen und zum Parkplatz kommen. Direkt an der Mauer ist es feucht und der Unterboden gibt unter den Füßen nach. Jeder von uns geht für sich, sucht sich seinen Weg. Der Leuchtturm markiert die äußere Spitze des Noss Head, und am Parkplatz angekommen wird der Blick frei auf einige Touristen und die Bucht und weit darüber hinaus auf den Weg, der noch vor uns liegt.

Der erste Kontakt mit dem Namen Sinclair

Unser Ziel Keiss liegt direkt gegenüber auf der anderen Seite der Sinclair Bucht, um dorthin zu gelangen müssen wir noch über die in der Sonne weiß schimmernden Strände. Der Himmel ist strahlend blau, nur wenige weiße Wolken treiben tiefhängend ihre Schatten über Landschaft und Meer. Wo die Sonnenstrahlen auf das Meer treffen verändern sie in ständigem Wechsel die Farbe des Wassers. Von tiefgrün bis fast azurblau, mit glitzernden Diamanten auf den Wellen.

Castle Sinclair Girnigoe

Wenige Meter hinter dem Parkplatz wartet eine verfallene Burgruine auf uns, das Castle Sinclair.  Das müssen wohl auch Herrscher der ganz üblen Art gewesen sein. Da war doch was mit salzigen Heringen und verdursten, wer hat das nochmal erzählt? Die Schotten hier oben im Norden sind sehr Geschichtsbewusst und erzählen oft von den Herrschern und den Engländern und was so passiert ist. Sir James Sinclair of Rosslyn hat gegen die Jakobiter in Culloden gekämpft. Mehr zu dem Clan kann man hier lesen. Wenn man sich die Schautafeln so anschaut und die Ausmaße dieser Burg anschaut, dazu die Lage und der Blick von hier und später der Blick auf die Ruine, so sieht man nur Eines, Macht.

Heute steht nur noch ein Teil des Haupthauses, und wie ein Mahnmal ragt der Turm mit einem Schornstein heraus. Von den vielen anderen Gebäuden ist nicht mehr viel übrig. Ich setze mich auf eine „Fensterbank“ und schaue hinaus auf das Meer. Was für ein Panorama! Ich fühle die Macht.

Direkt hiner der Ruine ist der Pfad breit und ausgetreten. Aber aus irgendeinem unbekannten Grund geht der Blick immer wieder zurück und bleibt an der Burg kleben. Macht!

Wir sind bezaubert von den weiten Blicken über das Meer, die sich permanent ändernden Wolkenbilder und der Landschaft, auf die um Ackergillshore jemand Gänseblümchen gekippt hat. Es sind riesige Gänseblümchen und es sind unglaublich viele im saftigen Gras.

Kein Tee in Ackergill

Ju’s will im nächsten Dorf einen Kaffee trinken, dort soll eine schöne Teestube sein, also wandern wir weiter. Der Pfad ist immer noch gut ausgetreten und so kommen wir schnell voran und erreichen den winzigen Ort Ackergillshore am Hafen. Hier können wir den nächsten Teil der Karte aufdecken, es sind nur noch 2 Abschnitte bis zum Ziel übrig.

Wir durchqueren den Ort landeinwärts und biegen nach den letzten Häuser wieder Richtung Küste hinunter ab. An einem Spielplatz vorbei geht es über Gras zu einem großen, imposanten Gebäudekomplex, dem Ackergill Tower, den wir seeseitig erreichen. Alles dicht, von hohen Mauern umgeben und Private. Kein Tearoom.

Im Nachhinein hätten wir vielleicht auf die andere Seite zum Eingang des Hotels gehen sollen, aber egal, an der nächsten Mauer setzten wir uns in den Windschatten auf eine Wiese mit den Riesen-Gänseblümchen und machen Pause. Essen Obst, Gemüse, Sandwich und eine meiner zwei Schokoladen. Dies ist erst meine dritte Schoki auf dem Trail. Die erste Schokolade von Cocoa Mountain in Dornoch habe ich bis Whaligoe mit mir herumgetragen. Die zweite habe ich in Lybster gekauft, die hat zwei Tage gehalten. Doch ab und zu habe ich auch bei Ju mitgenascht.

Nach der Rast geht es wieder durch hohes, manchmal kniehohes Gras bis zu einem Parkplatz und dem Gebäude des Golfklubs.

Der lange Weg an der Sinclair Bucht

Der Nachmittag ist angebrochen und die Flut hat fast ihren Höhepunkt erreicht, also wandern wir durch die Dünen weiter. Der Pfad geht auf und ab.

Wir treffen eine Familie und einen älteren Herrn, der uns wieder von dem bösen Sinclair erzählt. Da vor uns eine Fluss Überquerung mit Warnung bei Flut liegt, fragt Ju ob er überquerbar ist. Eine Ausweichmöglichkeit wäre nur ein Marsch am Rande des Golfplatzes zur Hauptstraße mit Brücke. Ich bin besorgt, will eigentlich die Brücke nehmen, denn ich weiß wie stark eine Strömung bei Flut sein kann, und wie schnell man aus dem Gleichgewicht kommen und umkippen kann. Oberschenkelhohes Wasser ist dann nicht mehr lustig. Der Mann meint es ist nur kniehoch, der Fluss führt im Moment nicht viel Wasser, doch ich bleibe skeptisch.

Ju’s will das unbedingt sehen und dann entscheiden. Irgendwie muss man doch zur Not auch direkt am Fluss zur Brücke. Doch zuerst geht es weiter durch die Dünen, die immer breiter werden. Der Pfad wird sandiger, also haue ich mich irgendwann einfach in den Sand und sage Pause.

Jacke an, Jacke aus

Die Sonne brennt, aber nicht lange und die nächste Wolke schiebt sich vor die Wärme. Wir haben so einen Spruch: „ die you Switch on and off your Jackett?“ Oft geht man mit Jacke durch die warme Sonne, bis es einfach nicht mehr geht, weil man im eigenen Saft schmort. Zieht man sie dann aus mit Rucksack ab, Rucksack auf, so kommt man gar nicht voran. Zumal uns diese Aktion selten gemeinsam einfällt. Hat man die Jacke dann ausgezogen, folgt kurze Zeit später das umgekehrte Spiel, weil mit dem Schatten die Kälte kommt und das verschwitzenT-Shirt am Körper kalt wird. Trotz Wolle!

Erstaunlich, dass wir noch nicht krank geworden sind, doch ich glaube wir haben uns abgehärtet, denn tendenziell ist es kalt. Das mit dem on and off hatten wir auch an Tagen mit Regenwahrscheinlichkeit. Allerdings kam das bisher sehr selten vor. Dann waren unsere Regenröcke optimal, denn die konnte man einfach anlassen oder hochziehen. Nur beim Überqueren der obligatorischen Stacheldrahtzäune müsste man aufpassen.

Die Flussüberquerung

Heute haben wir also Sonne, keine Sonne und nach der Pause nur noch Dünen soweit das Auge reicht. Bis der Fluss auftaucht. Und der führt tatsächlich nicht viel Wasser! Ich nörgelnder Skeptiker!

Die Flut drück das Wasser zwar hinein und zieht es wieder hinaus, aber wenn man kurz vor der Stelle, an der das Wasser wieder zurück geht, und genau in dem Moment dazwischen an der Stelle, die nicht einmal breit ist die Überquerung macht, sollte es ganz einfach sein. Also Gamaschen, Schuhe und Socken aus, an den Rucksack binden und Hose hochkrempeln. Ist das schön! Die nackten Füße auf dem gerade sonnengewärmten Sand. Ich warte bis der richtige Moment kommt und los geht es. Ju’s folgt bei der nächsten Flutwelle. Davon habe ich ein Video gemacht, das muss aber noch mit anderen Clips und Bildern geschnitten werden, irgendwann. Wir hatten echt Spaß. Trotzdem sollte man diese Stelle nicht unterschätzen und immer die Gegebenheiten checken.

Genusswanderer Genießen

Das Wasser war erfrischend kalt und wir gehen noch eine Weile mit unseren nackten Füßen durch den Sand. Gerade als wir unsere Schuhe wieder an den Füßen haben, sehen wir einen Wanderer genau die gleiche Stelle überqueren, seine Schuhe anziehen und sofort weiterziehen. Wir lassen und Zeit und schauen wieder einmal zurück, denn die Sicht ist so gut, dass man sogar Noss Head noch erkennen kann.

Am Starnd entlang

Wir beschließen den Rest bis Keiss am Strand weiter zu gehen, auch wenn wir im Sand leicht versinken so kommen wir doch gut voran und sicherlich zügiger als durch die Dünen. Somit endet die heutige Wanderung mit Stein,- und Muschelsuche.

Kurz vor Keiss wird das Ufer wieder steiniger, ein Weg führt in die Stadt, wo wir schnell das Hotel finden. Der Pup hat auf, wir treten ein, ab 18 Uhr gibt es Nahrung, Zeit für einen Tee und für mein Tagebuch.

Abendessen im Pub

Jetzt sitzen wir im gemütlichen Sinclair Bay Hotel Pub in Keiss, ab 18 Uhr, also in 30 Minuten gibt es Essen. Wir haben für diese letzten zwei Tage nur noch Obst, Nüsse, etwas Käse, etwas Fudge, Teebeutel, und ich noch jede Menge Powerfood mit dabei.  Ach ja, und noch eine Tafel Schokolade, die Zweite ist schon Vergangenheit.

Das Essen war nicht 5 Sterne, aber gut und wir sind statt geworden. Wir verlassen den Pup kurz nach 7 Uhr nach der Wettervorhersage, und gehen zurück auf den Trail.

Die Suche nach dem Weg

Am Hafen vorbei und auf eine lange Wiese mit zwei verfallenen Brochs und zwei verfallenen Bunkern aus dem Krieg. Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Seite eine Steinmauer und dahinter Weiden mit Kühen. Wir wollen in der Nähe des Castle unser Zelt aufschlagen. Doch am Castle kommen wir nicht vorbei, denn genau davor geht ein Weidezaun so nahe an den Abgrund, dass es keinen Pfad mehr gibt. Runter zu dem dort fließenden Bach und wieder rauf ist mit den Rucksäcken keine Option. Ju versucht es und ich rufe sie besorgt wieder zurück. Die Steine am Ufer sind zu nass und glitschigen und auf der Kuhweide Mutterkühe und ihre Kälbchen.

Noch ein Trail Angel

Gerade als wir ratlos umherstehen kommt Gillian. Sie hat uns von ihrem Haus am Hafen gesehen und kommt um uns zu helfen. Sie meint man könne problemlos innen am Zaun über die Kuh Wiese entlang, man sollte nur nicht quer über die Wiese gehen. Und wir erfahren, dass es nach dem Castle keinen guten Platz für unser Zelt gibt. Daher sollten wir einfach hier auf dem Grasstück unser Zelt aufschlagen. Wieder ein Engel! Immerhin ist sie diese ca. 400 Meter extra zu uns gekommen um zu helfen.

Ju sitzt im Gras und telefoniert mit ihrem Freund. Das Alles, der Tag, der Weg, die Menschen und ihre Freundlichkeit ist einfach zu viel für mein Innenleben, es muss raus. Und so fließt das Fühlen über und bahnt sich seinen Weg hinaus.

Als wir dann das Zelt an der Steinmauer aufgebaut haben und endlich in unsere Schlafsäcke Krabbeln dämmert es bereits und die schmale Sichel des Mondes erscheint über der Kuhweide hinter uns.

Der wütende Mensch

Genau in diesem Moment wird es hell im Zelt, ein Auto kommt angefahren und hupt mehrfach. Ein wütender Mensch befiehlt uns sofort das Zelt abzubauen, denn es sei „lifestock im field“. Dabei fährt er noch über unsere Abspannleine und gibt uns maximal 10 Minuten, denn sonst…

Ich will gar nicht wissen was sonst, sondern schlafen. Schon aus dem Grund raffen wir unsere Sachen zusammen, stopfen alles in die Rucksäcke und bauen das Zelt ratzfatz zusammen mit Innenzelt ab. Wir sind wütend auf so eine Unfreundlichkeit, man hätte das ja auch weniger dramatisch und ohne Bedrohung machen können. Beim Gehen sehen wir den Geländewagen unterhalb der Burgruine, da scheint uns jemand zu beobachten. Fast tut mir der Mensch leid, in dem soviel Negatives wohnt.

Wieder auf der Straße, ist direkt in der 360 Grad Kurve zum Hafen hinunter ein flaches Stück Grün, das Zelt steht in wenigen Minuten wieder und wir liegen Sekunden später im Schlafsack. Nach einem letzten Schluck Whiskey aus meinem Flachmann schlafen wir Instant ein.

Der Weg

In Wick folgt man der Main Street in Richtung Hafen und kommt nach den Hafenmolen auf einen Pfad, der bis zum Nord Head führt. Danach muss man auf Asphalt und an Wohnhäusern entlang landeinwärts bis zur Landstraße nach Staxigoe. Dieser folgt man bis zum Hafen, durchquert den Bauernhof und begibt sich in den Gang zwischen zwei Zäunen. Irgendwann kommt man auf das Moor und muss sich seinen Weg an der Lüste entlang bahnen. Wenn der Leuchtturm in Sichtweite kommt, geht man auf Ihn zu. Es gibt einen Weg meerseitig am Leuchtturm vorbei, aber wir sind unwissend an der Mauer entlang zum Parkplatz gegangen.

Hier folgt der Weg den Touristen zum Castle Sinclair und danach ist der Weg breit und gut begehbar bis etwa 1 km vor Ackergillshore. Man geht oberhalb des Strandes über Wiesen bis zum Hafen, folgt im Dörfchen der Straße landeinwärts und biegt nach dem letzten Haus wieder auf einen Weg an einem Spielplatz vorbei und steuert dann direkt auf das Ackergill Tower Gebäude zu, das man meerseitig umgeht. Die folgende Steinmauer überquert man mit Hilfe einer Holztreppe und geht ein Stück innen an dieser entlang, um sie am Ende wieder zu überqueren.

Nun beginnt der Weg oberhalb des Strandes entlang bis zum Parkplatz des Golfplatzes. Danach kann man bei Ebbe über den Strand gehen, oder folgt wie wir den Pfaden durch die Dünen. Über die Überquerung des Flusses habe ich im Beitrag berichtet. Danach kann man auch bei hohem Wasserstand gut über den Strand gehen, denn er ist hier breiter.

Kurz vor Keiss wird der Strand immer steiniger und in Höhe eines Parkplatzes gelangt man an einen Pfad der direkt nach Keiss führt. Das Hotel erreicht man, indem man auf der Straße landeinwärts geht an der nächsten Kreuzung. Zurück auf den Pfad geht es genau in die andere Richtung. Oberhalb des Hafens erreicht man das Grasstück mit den Brochs und den Bunkern.

4 Antworten auf „John o’Groats Trail – Tag 14 – Wick to Keiss via Sinclair Bay“

  1. Ich mußte so Lachen über die Geschichte mit dem wütenden Menschen. Und vielen Dank für diese Geschichten um deine Wanderung, das ist nur GUT!

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