Auf dem Rob Roy Way durch Glen Ogle nach Killin – Tag 7

Den Glen Ogle hinauf und nach Killin hinunter

[Wanderung ca. 25 km, mittel] [ca. 380 Höhenmeter] [19.10.2019]

Der Morgen auf dem Balquhidder Braes Holiday Park begann wie der Abend aufgehört hat, regnerisch. Nochmal unter der Apsis Wasser für das Frühstück kochen, darauf habe ich gerade keine Lust, ich möchte schnell losgehen, denn heute wartet auf uns Glen Ogle, ein langgezogenes Tal, und ich verspreche mir fabelhafte Aussichten auf Loch Earn.

Noch während ich im Zelt alle Dinge sortiere und in die entsprechenden Säckchen verpacke, hört das Tröpfeln auf dem Zelt urplötzlich auf. Also raus und schnell das Zelt abbauen, denn der Himmel ist grau und man weiß nie ob und wann es wieder anfängt.

Das Außenzelt kommt wieder pitschnass in den Sack von meinem Vango Zelt, und oh weh, der hat einen Riss bekommen. Nein, nicht das Zelt, sondern die Hülle.  Fast egal, denn der Sack kommt ganz oben unter das Deckelfach und macht nichts nass, was nicht nass werden darf. Danach geht es zum Waschraum für eine Katzenwäsche. Mozart wartet draußen und bewacht das Gepäck.

Geplauder an den Waschräumen

Dazu gesellt sich eine Frau, die sich anstellt die Waschräume zu säubern, die übrigens tipptopp waren. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist aus Glasgow und verbringt jeweils 5 Tage die Woche hier zum Arbeiten. Sie ist sehr interessiert und fragt mich regelrecht aus. Wo ich herkomme, wo es hingeht und wie mein Eindruck über Glasgow ausfällt. Leider sei sie schon zu alt, um noch auf solche Abenteuer zu gehen. Ich sage ihr das sei Quatsch und verrate ihr mein Alter. Alter ist oft nur eine Ausrede für Bequemlichkeit, die sich dann auch im Kopf einstellt. Doch was ist das Leben dennoch wert? Ohne Ziele, ohne Träume, die den Körper mit einbeziehen.

Mein nächstes Ziel ist erst einmal zu bezahlen, doch wo? Da kommt wieder der Herr von gestern Abend aus seinem Trailer neben den Waschräumen zum Zug. Er kassiert 5 Pfund, denn der Besitzer ist meist unsichtbar und seine Stammgäste übernehmen anscheinend öfter seinen Job. Zurück zu Hause habe ich mir noch einmal diesem Caravan Park auf der Webseite angeschaut, und der Trailer Bereich auf dem ehemaligen Bahnhof ist nur ein kleiner Teil des gesamten Komplexes, der für mich aber unsichtbar im Regen und Morgennebel war.

Der kurze Weg zum Frühstück

So ziehen wir wieder los, zurück auf unseren Fahrradweg, ohne Frühstück, denn das ist im nächsten Ort geplant.

Die letzten, vereinzelten Tröpfchen fallen aus den sich auflösenden grauen Wolken, und so trotteln wir den von hoher Vegetation umsäumten Weg entlang. Ab und zu kreuzt ein Eichhörnchen unseren Weg und huscht auf den nächsten Baum. Mozart schaut dann immer lange hinauf in die Baumkrone, aber die flinken Tierchen werden vom bunten Herbstlaub verschluckt und sind – weg!

Nach wenigen Minuten kommen wir an eine Brücke über tosendem Wasser, das in Richtung Loch Earn fließt. Bald weist ein Schild uns den Abzweig zum ¼ Meile entfernten Städtchen Lochearnhead, wo ich einkaufen, einen Kaffee trinken und eine Kleinigkeit essen möchte. Genau hier fährt jetzt ein Quad eine Wiese hinunter, hinten drauf sitzt schwankend ein Hund, fällt aber nicht runter. Krass!

Die ¼ Meile führt uns mit Blick auf Loch Earn steil hinab, oh weh, da muss ich später wieder hinauf, haha! An der Einmündung zur A84 steht eine winzige, alte Kirche, deren Parkplatz mehr Grundfläche als das Gebäude hat. Sehr unangenehmer gestalten sich die folgenden 600 – 800 Meter auf dem schmalen Bürgersteig, an dem vereinzelt Wohnhäuser und ein altes Schulhaus stehen.

Kaffee und Pie

Kurz vor einer Abzweigung taucht ein kleiner Lebensmittelladen auf, betrieben von einem älteren Herrn im Rentenalter. Auf die Frage nach einem Café für ein anständiges Frühstück gib es nur eine Option, das Hotel in einiger Entfernung am See. Na, dann frühstücke ich eben hier, es gibt sogar Sitzmöglichkeiten neben dem Laden, und mir werden die Pies empfohlen, die in der Mikrowelle aufgewärmt werden können. Der Laden ist winzig klein, trotzdem dauert es eine ganze Weile, bis ich die Pies im Kühlschrank entdecke, denn es gibt hier ALLES!

Ruckzuck habe ich eine Tasse Kaffee und den warmen Pie in der Hand und marschiere damit zu den durchweichten Holztischen und Bänken neben dem Gebäude. Mozart hole ich nach, der brav vor dem Laden gewartet und genau beobachtet was ich da mache.

Zum Schutz vor den nassen Holzbänken habe ich nicht nur meine Regenhose, sondern auch ein Utensil, das ich fast zu Hause gelassen habe, aber mindestens 3x am Tag benutze. Eine zusammengefaltete Sitzmatte, immer griffbereit mit dem Regenzeug in der vorderen Rucksacktasche. Wer hätte das gedacht! Der Sitzbereich ist heute feucht und modrig, aber liebevoll gestaltet, auch wenn der Herbst die Pflanzen schon in Besitz genommen hat.

Ich mag diese kleinen Dorfläden und freue mich immer Bolle einen anzutreffen den Tesco noch nicht eliminiert hat. Was aber wird passieren, wenn der nette alte Mann, der gerade die Getränke nachfüllt, die Arbeit nicht mehr bewältigen kann? Wer würde so einen Job heute noch machen? Wird mir in Zukunft Tesco meine Einkäufe ans Zelt liefern?

Den Glen Ogle hinauf

Mir ist warm ums Herz und im Magen als ich den Ort auf demselben Weg wieder verlasse den wir gekommen sind. Wieder die Straße entlang, wieder die Straße hoch! Danach geht es in engen Serpentinen weiter hinauf und hinauf. Zum Glück gibt es bei jeder zweiten Kehre einen guten Grund stehen zu bleiben, um die jeweils atemberaubendere Aussicht auf Loch Earn in den Gehirnzellen und als Foto abzuspeichern.

Irgendwann sind wir wieder auf der alten Eisenbahnstrecke, unsrer Cycle Route angelangt, die immer schnurgerade und stetig leicht ansteigend den Glen Ogle hinaufführt. Wir gehen an der Hangseite, unter uns die Straße, die Auto für Auto hinauf oder hinunter zum Loch transportiert. Ab und zu sind Felsen gesprengt worden, um der Bahn Platz zu verschaffen, und alle paar Meter fließen Bäche und Bächlein vom Berg herunter und verschwinden unter dem Weg, um auf der anderen Seite wieder auszutauschen und ihren natürlichen Lauf in das Tal Glen Ogle wieder aufzunehmen.

Am Berghang gegenüber sieht man die unzähligen Wasserläufe, die wie Narben, mal breiter, mal schmaler, den Hang zerfurchen. Getupft mit den weißen Punkten vereinzelter Schafe.

Einzelne Gates teilen die Strecke in Abschnitte, hin und wieder begegnen wir Radfahren. Ein Wanderpärchen kommt uns entgegen, ansonsten sind wir allein. So ein Geradeaus ist ja eigentlich nicht so meine Sache, man hat viel zu viel Zeit zum Denken. Aber irgendwie komme ich in den Zen Rhythmus des Gehens, sauge das Glen Ogle in mich auf, funktioniere und fühle mich frei. Mozart hat auch einige seiner dollen 5 Minuten und spring vor Freude herum, dann freuen wir uns gemeinsam und spielen etwas zusammen.

Unten im Glen Ogle gehen 2 Wanderer die alte Military Road hinunter in Richtung Lochearnhead, ein Trampelpfad durch feuchtes Gelände. Wir winken uns zu. Das wäre auch eine Möglichkeit diesen Abschnitt im Glen Ogle zu gehen, habe ich nicht gewußt. Später treffe ich auf eine Holzleiter über eine Mauer, die zur Military Road führt.

Bevor wir „oben“ über die Hauptstraße müssen, überqueren wir noch einen Einschnitt auf einer ziemlich langen alten Eisenbahn – Steinbrücke. Ein Viadukt, eine Miniversion der Harry-Potter-Brücke bei Glenfinnan.

Nach Killin hinunter

Wir überqueren die Straße in Höhe eines kleinen Sees, dem Lochan Lairig Cheile. Es ist windig und kalt hier oben. Am Parkplatz gibt es einige Sitzbänke aus Holz, die auch zum Teil bereits belegt sind. Ich besetze einen Tisch, ziehe meine Jacke über, die Mütze auf, lasse das Zelt im Wind trocken flattern und hole meinen Kocher heraus, um einen warmen Tee zu kochen. Der Wind pustet ordentlich durch das Zelt, aber ganz trocken wird es bis zum Aufbruch nicht. Trotzdem gehen wir weiter, denn es ist zu kalt um länger zu verweilen.

Ein paar Meter nach unserem Rastplatz taucht ein Gedenkstein auf. 2 Piloten sind hier oben mit ihren Tornados abgestürzt. Warum müssen die auch mit Überschallgeschwindigkeit die Glens rauf und runter donnern? Völlig sinnlos! Krieg ist sinnlos!

Der Radweg geht jetzt steil bergab. Immer wieder warnen Warnschilder vor dem Gefälle. Für diejenigen, die bergauf fahren sicher eine Herausforderung. Der Weg ist auch schmaler, hat Kurven, das ist hier sicher nicht mehr die ehemalige Bahntrasse. Im Tal des River Dochard angekommen wird der von Herbstlaub bedeckte Weg wieder sehr breit. Birken wachsen entlang der Strecke und geben den Blick hin und wieder frei auf das Tal, dem wir bis Killin folgen.

Ankunft in Killin

Was für eine Ankunft! Auf der gegenüberliegenden Seite der Hauptstraße gurgeln sich Wassermassen über Felsen. Dort ist auch eine Bank an einem Kriegerdenkmal, also erstmal hinsetzen, das Schauspiel genießen und checken wo genau wir hinmüssen um zu unserer Unterkunft zu gelangen.

Die Unterkunft bei Nikola auf der Morenish Farm habe ich vorab über AirBnB gebucht und vor der Abreise ein Packet mit Hundefutter für die restlichen Tage hingeschickt. Nikola hat mir auch bereits eine Nachricht geschickt wie ich zur Farm gelange. „Durch die Stadt, am Golfplatz vorbei und danach 1,5 Miles an der Straße entlang.“ Ok, da müssen wir also noch einmal ein wenige laufen. Da es aber erst 15 Uhr ist, genießen Mozart und ich noch ein wenig das Wasserspektakel. Kraftanken für den Endspurt des Tages.

Touristenfalle Falls of Dochard

Als wir dann in Richtung Stadt gehen beginnt der Horror in Form von schmalen oder gar nicht vorhandenen Bürgersteigen, vielen Autos und den mit jedem Schritt größer werdenden Menschenmassen. Besonders vor dem Inn vor der Steinbrücke über die Falls ofDochard staut sich der Schwarm, denn genau gegenüber kann man zu den Wasserfällen hinuntersteigen. Was für ein Glück, dass sich auf meine Zimmeranfrage hier im Falls of Dochard Inn niemand gemeldet hat, das wäre nichts für mich, und besonders nichts für Mozart.

Doch es kommt noch schlimmer. Wir müssen noch über die Steinbrücke, die ist zwar alt und schön, aber auch ziemlich schmal ist. Zusätzlich stehen dort beidseitig Menschen und machen Fotos. Ich halte Mozart kurz, und versuche so schnell wie möglich und Zickzack um die Leute zu navigieren, die immer mal plötzlich einen Schritt zurück gehen und mir dabei im Weg stehen. Zwischen mir und den Menschen versuchen auch die Autos durch das Chaos zu kommen. Wahnsinn! Der gesamte Tourismus konzentriert sich auf diesen speziellen und engen Teil des Städtchens. 10 Meter nach der Brücke ist alles ruhig, nur vereinzelt Menschen, und Mozart ist völlig fertig, so dass ich ihn erst einmal Beruhigen muss.

Unterwegs zur Unterkunft

Wir trotten die langgezogene Straße mit kleinen Geschäften durch Killin zum anderen Ortseingang, kommen an einem kleinen Supermarkt vorbei, in dem ich ein Sandwich für das Abendessen einkaufe. Rechter Hand taucht ein Caravan Platz auf und da ist auch endlich der Golfplatz! Vor einer Brücke und einem klassischen Inn endet der Fußweg. Ab jetzt müssten wir an der gut befahrenen, kurvigen Straße entlang weiterlaufen. Unmöglich mit Mozart, ja sogar unmöglich ohne ihn.

Was tun? Wieder zurück zum Caravan Platz, Nikola anrufen und bitten mir das Päckchen mit Mozarts Futter vorbeizubringen? Ja! Also rufe ich Nikola an, doch bevor ich überhaupt die Alternative erwähnen kann, bietet Nikola mir an mich abzuholen. 5 Minuten später hält ein Auto an und wir verstauen nach der Begrüßung Hund und Rucksack im Kofferraum und es geht kurz aber knackig eng, und wie vermutet kurvig, die Straße entlang zur Farm.

Die Morenish Farm

Unsere Unterkunft ist in einem kleinen Bau direkt neben dem unscheinbaren Haupthaus, und davor liegt eine Terrasse mit Blick auf Loch Tay. Ich weiß gerade nicht was mich mehr umhaut, dass bis ins kleinste Detail ausgestattete Zimmer, oder der Ausblick von der Terrasse. Beginnen wir mit dem Zimmer:

  • Ein typisches, total kuscheliges Doppelbett mit vielen Kissen.
  • Ein Tischchen mit Mikrowelle und allem was man braucht um Tee oder Kaffee zu kochen. Auf einem schmalen Schreibtisch unter dem Fenster steht mein Päckchen.
  • Neben der Tür steht bereits ein Hundenapf mit Wasser.
  • Im offenen Wandschrank hänge ich später meine Quilts auf.
  • Das kleine Bad mit Dusche ist etepetete sauber und mit liebevollen Details ausgestattet.

Es ist wie, oder besser als in einem Sternehotel. Mit der liebenswürdigen Nikola unterhalte ich mich noch eine Weile und erfahre, dass sie im Hotel in Killin arbeitet. Mein noch feuchtes Außenzelt darf ich draußen auf der Terrasse zum Trocknen aufhängen, und so verbringe ich lange dort mit Ausblick auf Loch Tay und die gegenüberliegenden Hügel. Dort am anderen Ufer geht es morgen weiter. Unten entlang, oder oben rum? Der Feigling in mir sagt unten!

Tagesausklang mit Panorama

Nachdem ich mein Sandwich verputz und geduscht habe geht es zum Sonnenuntergang noch einmal hinaus auf die Terrasse und ich bestaune die rosa angeleuchteten Wolken und das matte, weiche Licht überall. Nur noch eine kurze Pinkelrunde auf der Zufahrtsstraße, denn Mozart ist sichtlich müde und dann geht es noch einmal zum Ausblick auf Loch Tay. Was für ein Reichtum hier leben zu können, wenn auch nur für eine Nacht!

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