Auf dem Rob Roy Way im Himmel über Loch Tay – Tag 8

Hinauf zum Lochan Breachaich und wieder hinab zum Loch Tay

[Wanderung ca. 16 km, mittel] [ca. 560 Höhenmeter] [20.10.2019]

Nach einer herrlichen Nacht im einem der besten Betten ever, geht es nonstop hinaus, damit Mozart sein Bein ein paarmal heben kann. Daran schließt sich ein Aufenthalt auf der Terasse an, wo ich bei einer Tasse Kaffee den Rest des Sonnenaufgangs über Loch Tay in mich einsauge. Noch ist die Sonne hinter den Hügeln am gegenüberliegenden Ufer versteckt, beleuchtet aber die üblichen Wolkenformationen mit einem orangenen Schimmer. Es ist ziemlich kalt, die Luft glasklar.

Um 8 Uhr haben wir eine Mitfahrgelegenheit ins Dorf, also flott die Rucksäcke packen. Ich erwische noch kurz Nikola, um ihr auf Wiedersehen zu sagen und mich für die liebevolle Bewirtung und die tolle Unterkunft auf der Morenish Farm zu bedanken. Sie muss schnell zur Arbeit, eine Verwandte wird uns nach Killin bringen.

Ein friedliches Killin am Morgen

Vor dem Supermarkt lasse ich mich absetzten, und da meine Fahrerin auch einkaufen muss kann Mozart solange im Auto bleiben. Äpfel, Tomaten und Nüsse, sowie zwei obligatorische Scones für mein Frühstück, denn heute Abend werde ich auf keine Einkaufsmöglichkeit stoßen. Ich verabschiede mich, bedanke mich noch einmal für die Fahrgelegenheit und ziehe mit Mozart von dannen durch das fast menschenleer Killin.

Frei von Menschen ist heute Morgen auch die Brücke, die Falls of Dochart und das berühmte Falls of Dochart  Inn. Ganz in Ruhe kann ich deshalb auf der schmalen Steinbrücke verharren und entdecke die Begräbnisstätte des MacNab Clans. Wir überqueren die Straße und klettern hinunter zu den Wasserfällen, die eher als Stromschnellen zu bezeichnen wären, aber schon imposant und breit und lang sind.

Vor dem Inn besetzte ich frech eine leere Bank und futtere einen Scone. Dazu gibt es heißen Tee aus meiner Isolierflasche.  So kann man diesen Ort genießen, leer und ruhig und beschaulich an einem kalten, sonnigen Sonntagmorgen.

Oben rum oder unten rum?

Direkt vor dem Inn beginnt der Weg meiner heutigen Etappe, der schon bald zu einer Single Road wird. Unsere Rucksäcke haben heute mehr Gewicht, komischerweise fühle ich mich dadurch nicht schwerer als Gestern. Trotzdem dreht sich in meinem Kopf die Frage: „Gehe ich unten am Loch Tay die Straße entlang, oder nehme ich den Weg über den Berg?“ Mein Schweinehund sagt unten rum, aber als wir an der Abzweigung ankommen sagt mein Herz wohl oben rum, denn automatisch schlage ich den Weg bergauf an.

Die Beste Entscheidung des Tages

Wir gehen auf einer schmalen Single Road, die zuerst sanft ansteigt. Nach einigen Höhenmetern blicke ich zurück und mir stockt der Atem. Wie wunderschön ist der Anblick der sonnenbeschienenen Hügel- und Bergspitzen im Kontrast zu dem im Schatten liegenden Killin am Loch Tay.

Weiter geht es hinauf, teilweise recht steil, dann halte ich einfach einen Moment kurz an und genieße einen Moment den Blick zurück und schäle mich bei jedem Stopp aus einem Oberteil. Jedes Mal, wenn ich stehen bleibe wartet Mozart geduldig und blickt zu mir. Kein Ziehen, sondern irgendwie verständnisvoll abwartend, das baut mich auf.

Am Ende der Straße steht ein roter PKW und wir müssen durch ein Gatter, dahinter liegt Weideland und etwas oberhalb steht ein Sendemast. Der Blick über den Wald, mit einigen Durchblicken nord-östlich über Loch Tay und den sanften Rücken des Ben Lawer, mit den tief und langsam sich bewegenden Wolkenbändern in Schäfchenweiß, ist all die Mühe wert gewesen. Eigentlich gar nicht so schlimm.

Vor uns liegt eine Schotterstraße zwischen Schafweiden, sanften, nackten Hügeln und zur Seeseite hin begrenzt mit Bäumen. Wir schlendern im Sonnenschein dahin. Mozart ist wie immer fasziniert von den Schafen und kann seinen Blick kaum abwenden. An und zu springt er in die Leine und ich muss ihn zur Ruhe ermahnen.

Dann sehe ich in der Ferne eine lange Mauer, vielleicht ein Staudamm.  Die Neugierde wächst, was ist wohl dahinter?

Lochan Breachlaich Reservoir und Damm!

Einsam liegt der Lochan Breaclaich spiegelglatt vor uns in der Sonne. Ich atme die Seelenruhe dieses Augenblicks und ein tiefer Friede breitet sich in und um mich aus. Glück! Auch das Auto, das uns später überholen wird kann daran nichts ändern. Wir gehen ein Stück am See entlang, aus dem nahe am Ufer ein Turm ragt, und es geht weiter beständig bergan in diese zivilisierte Wildnis. Ich schwebe einfach und leicht voran.

Kurz bevor die Straße eine Wende macht werfe ich meinen Rucksack in die Botanik, packe mein Sitzutensil aus und es wird Rast gemacht. Nicht der schönste Platz, aber der beste Ausblick. Ein Apfel und ein paar Nüsse im schönsten Restaurant weit und breit. Während wir noch essen und trinken kommt der Geländewagen zurück und die zwei Männer drinnen winken uns zu. Nach wenigen Minuten ist das Gefährt außer Sicht,- und Hörweite und wir sind tatsächlich allein mit dem Wind, der Sonne und den Insekten hier oben unter dem Himmel.

Im Himmel unter den Wolken

Mozart schaut und schaut, ich schaue und schaue! Ich sauge die Landschaft auf wie Wasser, lege mich flach auf den Rücken und beobachte die tiefen Wolken auf ihrer Reise, blicke auf den stillen See, die herbstliche Vegetation in allen Nuancen von Braun, die Geröllfelder, die nahen Hügel und die entfernten Berge.

Hinter dem Stausee erhebt sich die höchste Erhebung von Stirlingshire, der Ben More. Dahinter, oder besser gesagt dahinter-daneben der Ben Lui, auch gewaltig hoch. Hinter uns erhebt sich der Ben Gbarbh nur noch wenige Meter, wir sind also knapp unter 600 Meter.

Der Wind dringt mit seiner kalten Luft an meinen Körper und mahnt zum Aufbruch. Dort unten am See wäre auch ein optimaler Zeltplatz, aber es ist erst früher Nachmittag und ich bin neugierig was nach der Biegung auf der anderen Seite auf uns wartet. Also los geht es!

Nach wenigen Metern macht die Schotterstraße eine Wendung und wir sind genauso wie vorher umgeben von sanften, nackten Hügeln. Der Weg führt uns wieder bergab, tiefer in die Einsamkeit hinein. Am liebsten wäre ich weiter geradeaus in die Wildnis gegangen, aber erneut macht der Weg eine Kehrtwendung.

Lochan a‘Chaorainn und  Munroe Bagging

Unter uns schimmert im tiefen Blau der kleiner See Lochan a‘Chaorainn, und in der Ferne taucht Loch Tay von Neuem auf. Ein Bild zum Singen, es erweckt alle müden Geister, Muskeln und Organe.

In Höhe des Sees treffen wir auf einen einsamen Wanderer und warten, bis er auf Gesprächsweite angekommen ist. Ein Munroe Jäger, der heute 2 Gipfel erklommen hat. Es war sein rotes Auto am Gatter unter dem Sendemasten, das wir nach dem Aufstieg gesehen haben. Das ist doch cheaten! Naja, aber durch den unwegsamen Morast und die feuchten Weiden zu stapfen ist auch nicht ohne. Das kenne ich noch zu gut vom John o’Groats Trail im Frühling. Nach einem kurzen Plausch bewegen wir uns weiter stetig bergab mit einem krassen Panoramablick auf Loch Tay, der immer näher rückt.

Die Highland Cow Gang

Als wir an einer Wasserpipeline ankommen endet der Weg und mir müssen so 100 Meter parallel unterhalb der Rohre entlang gehen. Genau dort warten ein duzend Highland Cows, die uns genau beobachten, aber Abstand wahren. Besser gesagt ich bewahre Abstand, oder versuche es, denn sie stehen auf der Weide über uns, und wir gehen sozusagen in einer kleinen Senke zwischen Wiese und Pipeline.

Mir geht die Muffe auf Grundeis und ich halte Mozart so kurz und so eng bei mir wie möglich, bis plötzlich ein Rind direkt vor uns steht. Wo kommt das denn so plötzlich her? Ich drehe mich langsam zurück zur Seite, zum Glück, denn dort ist ein Wegweiser, den ich sonst übersehen hätte. Nix wie weg von der Pipeline und weg von den Rindern. In gefühlt sicherer Entfernung drehe ich mich noch einmal um und alle Tiere sind mehr oder weniger dort wo sie vorher waren, eigentlich freundliche und relaxte Tiere. Diese Horrorgeschichten von Wanderern und aggressiven Kühen machen mich irre im Kopf!

Am Newton Burn entlang

Etwas entspannter habe ich nun Zeit den zu durchquerenden Bereich besser zu begutachten. Es gibt eigentlich keinen Pfad, sondern nur Wegweiser, die jeweils in Sichtweite voneinander entfernt stehen, und die man anpeilen muss. Toll, das gefällt mir, endlich auch mal querfeldein, dabei folgen wir dem Newton Burn auf seinem Lauf bergab. Hier gab es einmal eine Siedlung oder Farmen, denn überall sieht man die Ruinen.

Mozart springt manchmal durch den Morast und ich muss schnell mitspringen, sonst würde er mich mit in den Schlamm werfen. Das ist etwas unangenehm, aber die in der Nähe grasenden Schafe verbieten mir ihn frei laufen zu lassen. Es scheint eine unsichtbare Verbindung zwischen ihm und den Schafen zu existieren. Nicht verwunderlich, denn er soll ja ein Hütehund sein, und sein Drang zu eigenen Entscheidungen ist stark ausgeprägt.

Schade nur, dass ich so sehr auf meine Füße achten muss, denn der Blick über die Landschaft und hinunter auf Loch Tay ist grandios. Das Schicksal einer Gleitsichtbrillen Trägerin, da muss man immer mit dem ganzen Kopf nach unten schauen, sonst ist der Blick nicht scharf gestellt.

Diesmal sind es Kühe

Unterhalb eines kleinen Wäldchens erreichen wir ein Tor und kurz darauf kreuzen wir den Newton Burn, um zur anderen Seite zu gelangen. KÜHE! Wir nähern uns einer Farm und hier stehen massenhaft Kühe herum an denen wir vorbeimüssen! Sehr, sehr besorgt und im Zickzack Kurs manövriere ich uns teilweise bis auf wenige Meter Distanz an den Kühen vorbei, die freundlicherweise bleiben wo sie sind. Nur eine Kuh starrt uns an und bewegt sich auf uns zu, aber da ist schon das Gatter und wir sind mal wieder heile davongekommen. Vor uns liegen die Gebäude der Brae Farm und nach noch einem Gatter landen wir auf einer Single Road.

Ankunft in Ardeonaig

Immer wieder müssen wir über Cattle Grids oder durch Gatter, oder beides in Kombination. Wir kommen am Abernathy Trust Outdoor Center mit einigen Hütten und einem beeindruckenden Haupthaus vorbei, sowie vereinzelten Cottages. Es ist komisch wieder in der Zivilisation zu sein und hin und wieder einen Menschen zu sehen.

In Ardeonaig angekommen ist das Ardeonaig Hotel wie erwartet geschlossen, es scheinen Bauarbeiten dort stattzufinden, aber Menschen sind nirgendwo zu finden. Gegenüber ist ein verwilderter Garten, das wäre ein guter Zeltplatz, aber ich brauche noch Wasser, denn oben am Newton Burn habe ich das vor lauter Rindviechern völlig vergessen. Hier unten kommt man nicht an den Flusslauf ran, der ist hinter Stacheldrahtzäunen und braust nur mächtig als Hintergrundmusik zur sonstigen Stille.

Schafe, Border Collies und die Dall Farm

Auf der Karte sehe ich ein paar hundert Meter weiter in Richtung Kenmore eine Farm und ein einzelnes Haus an der Straße eingezeichnet, da gehe ich mal hin. Schon von weitem sehe ich eine Frau und ein Mädchen in Höhe des Hauses an der Straße stehen, winke, und nachdem wir sie erreicht haben frage ich nach etwas Wasser. Ja klar, und auch einen Zeltplatz am Loch falls wir möchten, sie muss nur auf ihren Ehemann warten, der gerade mit seinem Quad am Hang bei den Schafen ist.

Als man das Quad näherkommen hört, stellen sich Mutter und Tochter auf die Straße und blockieren die gerade jetzt ankommenden Autos in beiden Richtungen. Durch die dazwischen entstandene Lücke rennen plötzlich zig Schafe, begleitet von einigen kleinen Border Collies und dem Quad, über die Straße und in die Zufahrt zur Farm. Das Ganze ging so schnell, ich hätte gerne eine Wiederholung!

Mutter und Tochter folgend gehe ich zur Dall Farm, wo Schafe und Hunde bereits in den Ställen sind. Schafe zusammentreiben, das wäre das Mozarts Leben, wenn er nicht bei mir wäre, sondern einen Job in Rumänien gefunden hätte. Ich erfahre vom Bauern, der sich sehr für Mozart interessiert, dass seine Collies die Arbeitsvariante des uns allgemein bekannten Border Collies sind, die übrigens über sehr hohe Zäune springen können. Wie gerne würde ich Mozart von ihm ausbilden lassen, oder ihn zu einem Arbeitsurlaub hierherschicken.

Während meine Wasservorräte aufgefüllt werden betrachte ich das Mädchen genauer und denke nur Merida, denn genauso stelle ich mir die Wald Disney Figur als Person vor. Sie ist im Alter meiner Enkeltochter, krause, leicht rötlich-blonde Haare und ein wildes Naturkind. Meine kleine Elli hätte ich jetzt gerne bei mir, es würde ihr gefallen.

Der Rest des Tages

Beschwingt von der angenehmen Begegnung gehe ich zurück in meinen wilden Garten am Hotel. Versuche noch einmal jemanden ausfindig zu machen, den ich um Erlaubnis fragen könnte hier zu campen, treffe aber niemanden, außer 2 jungen Mädchen. Die sind auf dem Rückweg zum Ferienlager. Eine von ihnen ist Deutsche und sie erzählt mir wie toll es hier ist, und dass sie viel Kanu fahrend auf dem Loch Tay unterwegs sind.

Nachdem ich mein Zelt aufgeschlagen habe gibt es Abendessen. Wieder ein leckeres Gericht von Tentmeals. Zum Aufwärmen, denn es ist recht kühl ohne Sonnenstrahlen, gibt es den letzten Beutel Chai Tee, dazu Einträge in mein Tagebuch und einen abschließenden Gassi-Gang, danach wird geschlafen. Wir sind beide ziemlich müde von diesem wunderschönen, ereignisreichen Tag im Himmel.

Komoot und Zelten

Wir sind an diesem Tag nur bis Ardeonaig gegangen, da es auf der gesamten Strecke am Loch Tay schwierig ist einen Zeltplatz zu finden. Da die Etappen aber vorab geplant waren, habe ich die Aufzeichnung nur unterbrochen und am nächsten Tag fortgeführt.

2 Antworten auf „Auf dem Rob Roy Way im Himmel über Loch Tay – Tag 8“

  1. Bis zu diesem Tag bin ich jetzt schon gekommenen, absolut Begeistert von deinen Geschichten. Man muss wirklich nicht den WHW gehen, es gibt so viele tolle Strecken in Schottland. Wie mir scheint, ist der Rob Roy Way nicht der Hammer was die Wege betrifft, aber die Landschaft und die Vielfalt sind einladend. Ich freue mich schon auf die nächsten Tage…

    1. Freut mich, dass dir die „Geschichten“ gefallen. Leider habe ich gerade etwas wenig Zeit für den Blog, aber in der Zwischenzeit sind alle Tagebücher vom Rob Roy Way online. Ich hoffe sie gefallen dir!

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