John o’Groats Trail – Tag 15 – Keiss bis John o’Groats

Der letzte Tag auf dem Trail

[Wanderung ca. 23,8 km, mittel] [ca. 140 Höhenmeter] [10.05.2019]

Heute wartet die letzte Etappe nach John o’Groats auf uns, wird es wieder so emtional sein wie gestern? Sicherlich, vielleicht sogar noch mehr!

Die freundlichen Leute von Keiss

Aber erst einmal den Tag begrüßen, denn die Sonne scheint und der eine oder andere Gassigänger geht vorbei und grüßt und fragt freundlich wie es uns geht, woher wir kommen, und wohin wir gehen.

Ein junger Mann verläßt gerade mit seinem Labrador  aus dem Gebiet heraus, aus dem wir gestern so unsanft hinausbefördert wurden.  Wir kommen kurz ins Gespräch. Er arbeitet bei der Coastguard und meint diese Lifestock Geschichte sei der volle Blödsinn, da wären höchstens Wildtiere auf dem Feld. Haben wir uns ja schon gedacht, irgend so eine „meine Property und meine Kontrolle“ Sache.

Als wir gerade abgebaut haben und in Richtung Dorf zurückgehen wollen, denn wir haben beschlossen auf der Straße zu gehen und dann eine Stelle zu suchen um zur Küste zurückzukehren, kommt der Vater von Gillian mit dem Auto vorbei und bietet uns eine heiße Kanne Wasser für Tee an. Wir bedanken uns, möchten aber los, es ist schon fast 8 Uhr, der Weg lang, und Ju möchte so gerne noch einen Kaffee im Ort trinken.

Ein gratis Kaffee im Hotel

Wir versuchen unser Glück im Hotel, in dem wir gestern gegessen haben. Eigentlich schon frech von uns, da schlafen wir im Zelt und kommen am Morgen und fragen nach Kaffee. Die Frau ist zuerst auch gar nicht so erfreut, bietet uns dann aber an in die Bar zu gehen und kommt kurze Zeit später mit einer Kanne Kaffee. Wir trinken glücklich den heißen Muntermacher und beobachten wie draußen eine Lotsin die Schüler über die Straße dirigiert. Als wir bezahlen wollen sagt sie uns, dass es nicht notwendig ist, sie hätte sowieso den Kaffee vom Frühstück der Hotelgäste übrig. Ich lasse 3 Pfund liegen, bedanke mich auf einem Zettel für den Kaffee und deklariere das Geld als Trinkgeld.

An der Strasse entlang

Es hat etwas angefangen zu Regnen und eine dunkle Wolke schwebt am Himmel. Diese dunklen Wolken werden uns aus dem Süden kommend den ganzen Tag bis zur Ankunft in John o’Groats begleiten. Es scheint so als würde das Wetter uns nach Norden schubsen, an unser Ziel.

An der Straße kommen wir an dem hochherrschaftlichen Haus vorbei, dessen Weide wir gerade umgehen und sehen den Geländewagen von gestern auf der Weide stehen, Blickrichtung auf den Trail. Beobachtet da jemand ob Menschen über die heilige Kuhweide gehen? Dabei gibt es doch das Gesetzt des freien Durchgangs in Schottland. Am Eingang des Anwesens steht ein fettes Schild mit „Private property -access forbidden“. Ich machen ein Foto von Ju, die einen Fuß auf dieses Heiligtum setzt.

Nach ca.2  km an der Straße entdecken wir eine unbelegte Weide, die bis zur Küste reicht. Das Gatter steht einladend offen, also los, und zurück auf den Trail.

Klippen, Geo’s, Brochs und Meer

Der Küstenweg ist so, wie wir ihn seit Tagen kennen, nur die Klippen sind erstmal nicht mehr so hoch. Wir umkreisen wieder Geo’s und erreichen dass Brough Head mit einem Monument für das dort stehenden Broch Mon, eine recht große Anlage. Viel Zeit lassen wir uns nicht, wie erwähnt, die dunklen Wolken drohen im Süden und es sind einige Besucher hier, die vom nahen Parkplatz kommen, das ist gerade nicht unsere Welt.  So stapfen wir weiter, durch Grasbüschel, Heidekraut und Blumenteppiche.

Alles ist aus den letzten Tagen vertraut. Die Landschaft, die Wahl ob vor oder hinter dem Zaun entlang, die Richtung, der meist nicht sichtbare Pfad, und die holprigen Wiesen. Über Zäune, durch Gewässer, an schmalen Bächen neben dem Abgrund entlang, alles ist einfach geworden. Der Weg hat auch uns verändert, wir sind stiller, in uns gekehrter, leben im Augenblick des Fußabdrucks, dem Blick auf die Küste, es ist alles im Fluss.

Die glücklichen Schweine am John o’Groats Trail

Eine Besonderheit des Tages ist eine riesige, in Segmente aufgeteilte Open Air Schweinefarm auf einem Hang oberhalb der Klippen. Die Erde ist schwarz, und nur in einem der abgezäunten Bereiche ist eine Gruppe Schweine, die alle zu uns an den Zaun gelaufen kommen. Was für ein Unterschied zu den scheuen, dumm blickenden Schafen. Mit wachen, klugen Augen und viel Gegrunze werden wir begrüßt und halten unsere Handrücken zum Beschnuppern an ihre weichen, großen Nasen. Ein Schwein bleibt mit einem Eckzahn am Zaun hängen, quietscht erbärmlich vor Schreck, kann sich aber befreien und läuft immer noch aufgeregt davon.

Eine Pause an der Natur-Kathedrale

In der Ferne taucht Bucholly Castle auf einem Klippenvorsprung auf, wieder ein Geo. Dort rasten wir einen Moment. Über die Ruine wissen wir nichts, aber zusammen mit der Felsformation sieht dies wie eine Kathedrale aus, die Möwen und das brandende Meer erzeugen den Sound dazu.

Wir sehen einen Mann von der Straße herunterkommen auf den Trail, eine kurze Begrüßung und er ist Vergangenheit. Die zweite Person, die uns in all den Tagen auf dem Trail entgegenkommt.

Hier ist alles Freswick

Wir erreichen Freswick Bay, eine Kleinausgabe der Sinclair Bay von gestern. Hier ist alles Freswick. Ruine, Haus, Bucht, Strand, Ort und Hafen.

Der falsche Weg bei Skirza

Am Ende des Strandes führt eine Straße hinauf und ein Schild besagt, dass man den kommenden steinigen Küstenabschnitt bei Flut auf der Straße umgehen kann. Straße hoch, rechts und wieder rechts. Machen wir, nehmen aber beim zweiten Mal rechts versehentlich eine Zufahrt anstatt einer Strasse.  Dieser Weg zieht uns an, er ist eingesäumt von morastigen Wasserlöcher umgeben mit einer vielzahl an Pflanzen. Es sieht sehr natürlich aus, scheint aber gewollt.

Da kommt ein alter Herr dem das hier gehört aus dem Haus auf uns zu. Er erklärt den Garten so angelegt zu haben wir er die Natur vorgefunden. Auch der einem Golfplatz würdige Rasen war so und wird nur gemäht. Er freut sich sichtlich über die kleine Abwechslung durch unseren Besuches, zeigt uns noch seinen Steingarten und erklärt uns wie wir zurück auf den Trail kommen können. Wir verabschieden uns und klettern wie die Bergziegen über das Gatter und die Holperwiese dahinter.

Doch über die Steine

Und denkste! Direkt ein paar Meter nachdem wir wieder auf den Trail stoßen geht es nicht weiter. Ein Bach hat einen tiefen Einschnitt geformt und der Zaun steht direkt am Abgrund. Wir müssen zurück, oder unten über die Steine. Zum Glück ist ein schmaler Streifen der Steine trocken und so machen wir eine Hüpfpartie bis zum Hafen. Hier hätten wir eigentlich ankommen sollen.

Eine tierische, bellende Begleitung am Skirza Head

Ab hier geht es hinauf zum Skirza Head. Noch einmal überwältigt uns die Blumenpracht am Rande des Weges, noch einmal gehen wir am Rande der Klippen, noch einmal  sind wir vorhin einen Strand entlang gegangen, der letzte Tag gewährt uns noch einmal einen Rückblick auf alles was vorher auf dem Weg lag.

Es ist heiß in der Sonne, wenn sie gerade Platz zwischen den Wolken findet, die immer noch nicht auf uns herabregnen wollen. Könnten sie aber jederzeit, also bleiben Regenjacke und Rock an. Ich schwitze, also raus aus der Regenjacke und dem Rock und Weiter. Ich schwitze immer noch, also Daunenjacke auch noch ausziehen. Dieses An,- und Ausziehen nervt etwas, zumal wir nie gleichzeitig in den Auszieh-Modus schalten.

Der bellende Begleiter und die letzte Schokolade

Wir begegnen ihm an einem Geo in Höhe einer Straße, die zu einem Bauernhof führt, auf dem keine Mensch zu sehen ist. Es ist ein Border Collie, der uns aus sicherer Entfernung anbellt. Bis zum nächsten Geo begleitet er uns, immer im Abstand und immer am Bellen.

Ich glaube Ju ist davon ziemlich gestresst, aber ich muss jetzt intensiv an Mozart denken, den ich so sehr vermisse. Was kommt nach dem Trail? Wir haben Beide etwas auf das wir uns bei unserer Rückkehr freuen können, aber wie wird der Rest sein, das Leben? Sicherlich anders als zuvor. Irgendetwas drückt auf mein Gemüt, also lasse ich mich in das Gras plumpsen und sage Pause. Zeit für meine letzte Schokolade.

Easy Scrolling

Laut Beschreibung soll der Weg ab hier ein „easy scroll“ werden, mental kommt das bei mir noch nicht an. Es ist auch schon 4 Uhr, wir haben wieder mal (oder war ich das) zu viel getrödelt. Doch tatsächlich, je näher wir dem Ziel kommen, desto besser erkennbar wird der ausgetretene Pfad in der einsamen Moorlandschaft. Keine Zäune, keine Schafe, nur die Heide und der Himmel am Horizont.

Irgendwie möchte ich jetzt easy scrollen, doch Ju hat wieder Tempo aufgenommen, und das ist gerade nicht meine Geschwindigkeit. Also rufe ich ihr zu, dass ich mich zurückfallen lassen werde. Wie schon am Noss Head verspüre ich einen starken inneren Wunsch jetzt allein auf diesem Trail zu sein.

Manchmal sehe ich noch Ju in der Ferne, sonst ist hier niemand, nur ich und die Natur, der Himmel und das Meer. Immer wieder bleibe ich stehen, drehe mich langsam um 360 Grad, und da greift etwas nach mir, in mich hinein, langsam fließen Tränen.

Mein persönliches Ziel

Nach einer kleinen, letzten Steigung wird der Blick frei auf Duncansby Head und die Orkney Inseln auf dem Meer. Der Welt ist blau. Ich kippe auf die Knie, der Rucksack, den ich völlig vergessen habe kippt mich zur Seite und jetzt heule wie blöd. Minutenlang. Dieser Anblick, diese unfassbare Schönheit unserer Erde, der Weg, der Rucksack, ich bin angekommen, genau in diesem Moment bin ich am Ziel. Alles liegt hinter mir, jetzt wartet nur noch Mozart und meine Familie auf mich. Ansonsten steht die Zeit still.

Am Duncansby Head allein unter Fremden

Dann renne ich los, will zu Ju, die vor mir sicherlich etwas ähnliches erlebt hat. Plötzlich tauchen vereinzelt Menschen auf, die einen Spaziergang machen, mir geht die Puste aus und ich gehe nun auf Ju zu, die an einem Zaun sitzt und auf mich wartet. Wir fallen uns in die Arme und weinen gemeinsam. Wie konnte ich nur vergessen wie anstrengend es auch für Ju gewesen sein muss, wie sie ohne Klagen mit ihrem riesigen Rucksack, mit kalten und nassen Füßen durch sie sumpfigen Wiesen gestapft ist.  Sie hat mir immer Kraft gegeben.

Auf diesen gemeinsamen Erfolg, den ich ohne sie niemals geschafft hätte trinken wir einen Schluck Whiskey aus meinem Flachmann.

Es kommen ein paar Ausflügler vorbei und bemerken: Wollt ihr schon aufgeben? Die haben ja keine Ahnung, genauso wie der Rest der Menschen, denen wir noch an diesem Tag begegnen werden.

Die letzten Meter bis John o’Groats

Den Rest des Weges haben wir teilweise verkürzt, teilweise verlängert, sind einfach dort in Richtung John o’Groats gegangen wo es uns passte, liegen noch eine Zeitlang im warmen Sand in der Sonne am Strand. Eigentlich könnten wir auch hier zelten, doch wir haben Hunger und nur noch ein hartes Brot dabei. Also weiter.

Ich finde noch ein Büschel Schafswolle für meine Tochter und dann erreichen wir das Ziel John o’Groats

Ankunft und Ernüchterung

Was für eine Ernüchterung, keine Blaskapelle, niemand der uns begrüßt. Nur eine große Gruppe Motorradfahrer, die mit ihren Fahrzeugen direkt am Wegweiser stehen, dem Endpunkt in John o’Groats, an dem wir ein Foto machen möchten. Wir warten einen Moment, denn noch ist dort kein Platz für zwei einsame Heldinnen. Als alle wieder auf ihre Räder steigen kommen wir näher und bitten um ein Foto von uns, und das wird sogar ein gutes Foto.

In der Rezeption des Campingplatzes treffen wir auf eine absolut emotionslose Frau, die ohne jeden Gruß sofort zur Sache kommt. Name, Geld, Schlüssel, nicht einmal ein Guten Abend.

Das süße Abendessenin John o’Groats

Na gut, dann schnell das Außenzelt aufbauen und was futtern gehen. Aber denkste. Es gibt nur noch Kuchen, die Küche ist geschlossen. Ju’s nimmt Bier mit Kuchen, ich Tee mit Kuchen. Danach ist mir richtig schlecht, ich habe einen Zuckerschock und will nur noch liegen und das hier vergessen.

Morgen wollen wir so schnell wie möglich von hier weg, aber vorher schnell Wäsche waschen, denn es gibt einen Trockner. Dazu brauchen wir mindestens 2 Pfund Stücke, haben aber nur noch 1 Pfund Stück. Ju fragt noch einen am Autoschild zu identifizierenden Schweizer, der hat aber auch keine Münzen, also wird instant geschlafen, es war körperlich und emotional ein anstrengender Tag.

Der Weg

Wire empfehlen definitiv den Weg über die Strasse ab Keiss. Allerdings nicht ohne sich vorher den Hafen und die Remains der Keiss Burg angeschaut zu haben. Ein richtiger Zugang zum Trail gibt es am Broch Mon bei Nybster. Ab hier geht es wieder an der Küste entlang und außerhalb der Weidezäune. Man trifft auf die Schweinefarm und Bucholly Castle bevor man am Ness Head erneut auf eine Ruine trifft. Der weg geht am Strand unterhalb von Freswick House entlang bis zu einer Strasse. Dort empfehlen wir die Strasse zu nehmen und nicht die falsche Abbiegung, sondern die Strasse zum Hafen zu nehmen.

Ab hier ist derWeg zum Skirza head hinauf gut zu erkennen. Kurz nach der Umrundung trifft man auf eine Farm, danach folgt Moor,und Heidelandschaft bis zum Duncansby Head. Ab hier wird es bevölkert und der Weg bis zum Parkplatz der Camper ist leicht zu finden. Nun geht es quer über Weiden hinunter zur Bay of Sannick. Wir sind ein Stück am Strand entlang gegangen, aber der eigentliche Weg führt oberhalb entlang. Wieder folgt man der Küste am Ness of Duncansby und ab hier ist der Blick frei auf John o’Groats.

2 Antworten auf „John o’Groats Trail – Tag 15 – Keiss bis John o’Groats“

  1. Soooo lange habe ich warten müssen und jetzt ist endlich dein letzter Tag auf dem Trail online. Jeden Tag wurde es emotionaler und spannender. Tausend Dank für diese Berichte. Hoffentlich gibt es bald eine neue Herausforderung. Und solange lese ich mich durch deine restlichen Beiträge. Alles Liebe – Kathi

    1. Liebe Kathi, auch von meiner Seite tausend Dank, dass du bis zum Schluss durchgehalten hast. Aber ich muss dich Überraschen, denn es gibt bald noch einen weiteren Tag. Zwar nicht auf dem Trail, aber es ist unser letzter Tag vor dem Abflug, und da ist noch einiges passiert.

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